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Aus der vehementen Tiefe des Vorgegenständlichen.

Uwe Haupenthal - Anmerkungen zur Malerei von Anja Pletowski

 

Die Wertschätzung der traditionellen bildnerischen Gattungen im Allgemeinen wie diejenige des Figürlichen im Besonderen unterlag in den letzten 50 Jahren einem fortgesetzten Wandel. Immer wieder wurde etwa die Malerei für tot erklärt, um sie alsbald wie Phönix aus der Asche wieder erstehen zu lassen. Phasen eines größeren Abstandes von der gesehenen Wirklichkeit wechselten mit solchen, in denen sich erkennbare Bilderwelten behaupteten. Müßig darüber zu streiten, welchen Auffassungen die Krone der Moderne zuzusprechen sei. Künstler haben sich für diese Konfliktsituation allenfalls am Rande interessiert. Eine Haltung, die, wie Wassily Kandinsky schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärte, aus dem Wissen um die prinzipielle Gleichwertigkeit zwischen dem „Großen Realen“ und dem “Großen Abstrakten“ resultierte. Beide Positionen ergänzen und durchdringen sich, wodurch sich im Übrigen auch die Vorstellung eines künstlerischen Fortschritts innerhalb der Moderne als gegenstandslos erwiesen hat.

Der Blick auf Anja Pletowskis Bilder und Grafiken liefert einmal mehr den Beweis für die eigengesetzliche bildnerische Dynamik. Abbildlichkeit etwa resultiert in ihnen nicht länger aus einer beschreibenden Wiedergabe von etwas Gesehenem. Vielmehr gründet sie in einer vorgegenständlichen Struktur, die sich ihrerseits die prinzipielle Möglichkeit des Abbildlichen zumindest offen hält. Ein Prozess, der gleichermaßen einem fortgesetzten, offenen Kampf mit den bildnerischen Mitteln wie mit deren optischer Wirkung gleichkommt. Eindeutig benennbare bildnerische Formen sind demnach ebenso wenig vorgegeben wie eine vorab kalkulierbare Handlung. Statt möglicher, von außen herangetragener Erzählung weisen Anja Pletowskis Bildfiguren eine auffällig retardierende Strukturierung auf. Mit anderen Worten: Sie sind gänzlich mit sich selbst beschäftigt, respektive sie lösen sich aus einer an sich indifferenten Farbmaterie. Deren „Zufälligkeit weist jedoch über das engere Bildgeviert hinaus und ist somit selbst ein Stück Realität geworden. Gegenüber ihrer angestammt-abbildlichen Funktion erfahren Flächen und Linien hingegen zunächst eine elementare Entgrenzung. Nicht nur, dass sie sich in abrupt vorgetragenen Gegensätzen und komplementären Kontrasten erkennbar von einander abheben und eine für den Betrachter einsehbare Struktur ausbilden, die, jenseits aller zeichenhaften Festlegung, stimmig und überzeugend sein muss. Form und Farbe, drangvolle Enge und räumliche Öffnung bestimmen die Bildfläche als offenes Handlungsfeld, in das die Malerin als gleichwertige, wenn auch nicht länger als überlegen-kontrollierende Partnerin eingebunden ist.

Im Malakt selbst weist Anja Pletowski das ausufernde Wirkungspotential des Bildes in seine Schranken, freilich ohne die Dynamik dieses Prozesses je endgültig abschließen zu können. Weit wichtiger indes ist der Mehrwert, den sie in dieser Konstellation erzielt. Kommt es doch in diesem nachvollziehbar zähen Ringen zur Verschmelzung zwischen bildnerischen Formen und der eigenen, alles Rationale übersteigenden, psychischen Befindlichkeit. Ein im Ergebnis offener, mitunter gerade aggressiv vorgetragener Prozess, der allenfalls eine vorläufig anmutende bildnerische Ordnung zulässt, der aber den Bildern im Umkehrschluss auch ein hohes Wirkungspotential zugesteht.

Anja Pletowskis Bilder verharren auf der sprichwörtlichen Kippe. Sie öffnen sich gegenüber bestimmten Assoziationsketten, wobei ihre suggestive Kraft den Betrachter unweigerlich in das Bildgeschehen einbindet. Mag sich die Erfahrung der eigenen Körperlichkeit auch nach einem verbindlichen Figurenschema sehnen. Indem Anja Pletowski in ihren Bildern diesem Ansinnen niemals nachgibt, tranchiert sie Körper und Psyche und findet unverhohlen zu einem unverstellten bildnerischen Ausdruck. Vor allem aber gelingt ihr die erneute Verbindung zweier scheinbar entgegengesetzter, gleichwohl sich letztendlich bedingender Pole. Sie leistet dies mit den Mitteln der Malerei und setzt auf deren optisch begründete, den Betrachter nicht selten überwältigende Präsenz.